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Dossier: Grammatik

Grammatik gehört ebenso zum Fremdsprachenunterricht wie das Kommunizieren. Schülerinnen und Schüler lernen Grammatik aber nicht mehr isoliert, sondern im Zusammenhang mit einer Aufgabe. Denn in der Didaktik der Mehrsprachigkeit spielt die Inhaltsorientierung eine wichtige Rolle: So lernen Schülerinnen und Schüler die Sprache anhand von altersgerechten und spannenden Inhalten. Und in den Texten, mit denen Inhalte übermittelt werden, ist stets eine grosse Palette an grammatikalischen Phänomenen enthalten. Indem Schülerinnen und Schüler diese Formen lesen oder hören, lernen sie diese implizit. Wenn es der Inhalt oder die Aufgabe verlangt, bearbeiten und vertiefen sie die grammatikalischen Phänomene.

In den Beiträgen dieses Dossiers erfahren Sie, wie in «Mille feuilles», «Clin d’oeil» und «New World» Grammatik konkret aufgebaut und vermittelt wird.

Beiträge

Wie in «Mille feuilles» Grammatik systematisch aufgebaut wird

Wie in «Mille feuilles» Grammatik systematisch aufgebaut wird

Im Französischlehrmittel «Mille feuilles» wird Grammatik nicht auf die Art vermittelt, wie Lehrpersonen und Eltern dies von früher her kennen. Das bedeutet aber nicht, dass das Grammatiklernen dem Zufall überlassen wird. Ganz im Gegenteil. Die Grammatik wird von der Primarstufe bis in die Sekundarstufe I systematisch aufgebaut.

Klar definierte grammatikalische Strukturen

Der Aufbau der grammatikalischen Kompetenzen in Französisch und Englisch von der Primarstufe bis zur Sekundarstufe I klar ist klar definiert. Die Strukturen, welche die Schülerinnen und Schüler lernen, werden in einer Liste aufgeführt.

Auf der Primarstufe lernen die Schulkinder im Niveau A.1.2 beispielsweise «gebräuchlichste Demonstrativpronomen», «einfache Frageformen mit Kopula (sein)» oder «regelmässige Nomen im Singular und Plural mit bestimmtem und unbestimmtem Artikel». Neben dieser Auflistung stehen Beispielsätze in Französisch und Englisch. In einer weiteren Spalte sind Anregungen für Sprachhandlungen aufgeführt. Für die untere Stufe sind dies zum Beispiel «einfache Texte über sich selbst schreiben und mit Illustrationen und Zeichnungen und Bildern darstellen», «sich in Alltagessituationen verständigen und in einem Gespräch eine aktive Rolle übernehmen». Das Anforderungsniveau des Passepartout-Lehrplans entspricht demjenigen des Lehrplans 21.

Grammatik in verschiedenen Zusammenhängen lernen

«Mille feuilles» bietet viele methodische Möglichkeiten, um den Aufbau der Grammatik zu fördern. So setzen sich die Schülerinnen und Schüler mit den grammatikalischen Strukturen in unterschiedlichen Zusammenhängen mündlich und schriftlich auseinander. Sie üben die Formen in vielfältigen Aufgaben, activitiés genannt. Zudem erhalten sie Gelegenheit, in der tâche oder task (der Schlüsselaufgabe am Ende einer Einheit), das Gelernte anzuwenden, zum Beispiel, indem sie eine kurze Filmsequenz vertonen oder einen Vortrag über ein Thema vorbereiten und halten. Die Schülerinnen und Schüler können dabei die verschiedenen Kompetenzen einsetzen – insbesondere das Schreiben und Sprechen. Die Lösung dieser offenen Aufgabe fällt je nach Niveau und Einsatzfreude der Schülerinnen und Schüler ganz unterschiedlich anspruchsvoll aus.

Das Üben ist ganz grundsätzlich ein wichtiger Teil des Fremdsprachenunterrichts. Systematisches Übungs- und Trainingsmaterial bietet unter anderem die digitale Lernsoftware zu jedem Magazine. Ein grosser Vorteil ist, dass Schülerinnen und Schüler individuell lernen können und nach jeder Lösung direkt eine Rückmeldung erhalten.

Ein schwieriges grammatikalisches Kapitel ist das Konjugieren der Verben. Die mangelnden mündlichen und schriftlichen Konjugationskenntnisse in Französisch werden oft kritisiert. Dies ist jedoch nicht neu, sondern war in den vergangenen Jahrzehnten unabhängig vom Lehrmittel immer wieder Thema. Die Vielfalt vor allem an schriftlichen Formen, aus denen kein Unterschied hörbar ist (z.B. tu viens, il vient), ist für französischsprechende Kinder ebenso schwierig wie für Schülerinnen und Schüler, die Französisch lernen. Das Üben des Konjugationssystems braucht deshalb viel Zeit. Genauso, wie fremdsprachige Kinder viel investieren müssen, um die vier Fälle im Deutsch zu lernen und korrekt anzuwenden.

Fachbegriffe zur richtigen Zeit einführen

Zum Grammatiklernen gehört auch das Einführen von Fachbegriffen. Dies geschieht zuerst im Deutschunterricht und folgt erst danach in den Fremdsprachen. Die Schülerinnen und Schüler verwenden in der 3. und 4. Klasse im Deutschunterricht noch keine grammatikalischen Begriffe auf systematische Weise. Da der Französischunterricht auf dem Deutschunterricht aufbaut, ist es sinnvoll, dort noch mit der Einführung der Begriffe zu warten. Gemäss dem Lehrplan 21 werden im Deutschunterricht zuerst die Nomen, dann die Verben und anschliessend die Adjektive behandelt. Die Fachbegriffe eignen sich gut für das sprachenübergreifende Lernen. So erfahren die Schülerinnen und Schüler, dass die Nomen im Französisch «les noms», die Verben «les verbes» und die Adjektive «les adjectifs» heissen und im Englisch «the nouns», «the verbs» und «the adjectives». Die Schulkinder entdecken ausserdem bald, dass es im Deutsch drei Artikel gibt (weiblich, männlich und sächlich), auf Französisch aber nur zwei (männlich und weiblich) und im Englisch nur einen. Dies ist einer der Gründe, warum Englisch in der Anfangsphase als einfachere Sprache erlebt wird als Französisch.

Sprachen verbinden

Schülerinnen und Schüler lernen heute nach der Mehrsprachigkeitsdidaktik Fremdsprachen. Deutsch, Französisch und Englisch sind demnach keine komplett voneinander abgekoppelten Fächer, sondern die Sprachen werden miteinander in Verbindung gesetzt. Dies gelingt dann optimal, wenn eine Lehrperson alle Sprachen unterrichtet. Doch auch wenn es in einer Klasse mehrere Sprachlehrpersonen gibt, sind Sprachvergleiche möglich. Wichtig ist, dass die Schülerinnen und Schüler immer wieder dazu ermuntert werden.

Die Lehrpersonen müssen die andere Fremdsprache übrigens nicht korrekt beherrschen, um mit den Schülerinnen und Schülern darüber zu reflektieren oder nachzudenken. Sie dürfen zeigen, dass sie noch nicht ausgelernt haben und gleichzeitig ein Vorbild für lebenslanges Lernen sind. Wenn beispielsweise ein Schüler aus der Klasse eine Antwort kennt, welche die Lehrperson nicht wusste, und sie sich auch dafür bedankt, wirkt sich dies positiv auf sein Selbstbewusstsein aus.  Das gilt auch zu Hause bei den Eltern: Wenn ein Kind seinen Eltern etwas erklären oder aufzeigen kann, bereitet ihm das Freude. Das bedeutet aber auch, dass die Eltern sich für die Themen in der Schule interessieren.

Lernen Schülerinnen und Schüler noch Grammatik? Ja, aber anders

Lernen Schülerinnen und Schüler noch Grammatik? Ja, aber anders

Die neuen Lehrmittel «Mille feuilles», «Clin d’œil» und «New World» vermitteln grammatikalische Phänomene in einem Kontext, der für die Schülerinnen und Schüler Sinn ergibt und nicht nach einem von den Inhalten losgelösten Ansatz. Das mag den Eindruck erwecken, dass Grammatik keine wichtige Rolle mehr spielt. Dem ist aber nicht so. Schülerinnen und Schüler beschäftigen sich nach wie vor viel mit Grammatik. Sie lernen diese im Zusammenhang mit den Inhalten und den Aufgaben in den Lehrmitteln.

Die traditionelle Vorstellung von Grammatik ist es, Tabellen mit Konjugationen, Formen und Ausnahmen auswendig zu lernen, Regeln zu pauken und Grammatikübungen zu lösen. Im Fremdsprachenunterricht nach der Didaktik der Mehrsprachigkeit spielt jedoch die so genannte Inhaltsorientierung eine wichtige Rolle. Schülerinnen und Schüler lernen die Sprache anhand von altersgerechten und spannenden Inhalten. In den Texten, mit denen Inhalte übermittelt werden, kommen grammatikalische Phänomene vor, die im Unterricht vertieft werden.

«Die Texte in den Lehrmitteln beinhalten die ganze Palette an grammatikalischen Formen. Die Schülerinnen und Schüler lernen daher Grammatik implizit, wenn sie die Formen lesen oder hören. In einer ersten Phase wenden sie diese auch an, ohne den genauen grammatikalischen Zusammenhang zu kennen. Grammatikalische Formen werden dann ein Thema, wenn sie zum Lösen einer Aufgabe benötigt werden», erklärt Susanne Siegrist, Fachlehrerin für Französisch und Englisch an der Primarschule Stüsslingen (SO) und Dozentin für Fremdsprachendidaktik an der Fachhochschule Nordwestschweiz. «Ziel ist es, grammatikalische Phänomene immer wieder in verschiedenen Zusammenhängen zu bearbeiten, wenn es der Inhalt oder die Aufgabe verlangt.»

Wie wird nun konkret an Grammatik gearbeitet? Eine Möglichkeit ist, dass Schülerinnen und Schüler ein grammatikalisches Phänomen in verschiedenen Sprachen entdecken und dazu ihre eigene Regel formulieren. Dabei entsteht eine erste Konstruktion. Im Austausch mit den Mitschülerinnnen und Mitschülern wird die sprachliche Entdeckung erneut bearbeitet. «Das heisst, eine erste Konstruktion wird mehrmals umgewälzt, bevor sie im Plenum gemeinsam mit der Lehrperson und der <Expertenversion> abgeglichen wird.», beschreibt Susanne Siegrist das Vorgehen.

Im Magazine 2 des Lehrmittels «Mille feuilles» 5 zum Beispiel untersuchen die Schülerinnen und Schüler, wie eine Aussage in verschiedenen Sprachen verneint wird – von Deutsch über Englisch und  Norwegisch bis Albanisch. Dadurch entdecken sie, dass jede Sprache ihr eigenes System zur Verneinung hat. Sie müssen die Verneinung nicht in jeder Situation anwenden können. In dieser Übung geht es darum, Witze zu erzählen, in denen die Verneinung mit einer Pointe zusammenhängt.

«Grammatikalische Formen werden nicht bis zur Perfektion geübt», erläutert Susanne Siegrist. «Man überfordert Schülerinnen und Schüler, wenn man von ihnen erwartet, dass sie die Formen sofort perfekt anwenden können. Es braucht Zeit und viel Wiederholung, bis dies gelingt. Für Primarschülerinnen und -schüler sind grammatikalische Erscheinungsformen von der kognitiven Entwicklung her oft zu abstrakt. Es werden daher nicht ganze Systeme gelernt, sondern diese im Sinne des zyklischen Lernens immer wieder bearbeitet und erweitert. »

Ein weiteres Beispiel stammt aus dem Lehrmittel «New World» 4 für die Oberstufe: Die Schülerinnen und Schüler setzen sich im Englischunterricht in Unit 4 mit Kindern auseinander, die auf der Strasse leben und sich Gangs anschliessen. Als Input wird der englische Klassiker «Oliver Twist» genutzt. In diesem Zusammenhang schauen sich die Lernenden Ausschnitte aus dem Film «Oliver Twist» an und lesen Auszüge aus dem gleichnamigen Roman. Um Geschichten in der Vergangenheit zu lesen, zu verstehen, nachzuerzählen oder sogar selber zu schreiben, brauchen sie Vergangenheitsformen. Daher befassen sich die Jugendlichen mit der Vergangenheitsform Simple Past, die sie bereits in anderen Zusammenhängen kennengelernt haben. Sie lernen auf diese Weise das, was sie für das Verständnis des Inhalts und das Lösen der Aufgaben benötigen. So werden die grammatikalischen Formen zur Lösung einer Aufgabe und nicht losgelöst von einem Kontext gelernt.

In der Oberstufe sind Schülerinnen und Schüler besser in der Lage, abstrakt zu denken. Daher ist es sinnvoll, sich ab dieser Stufe intensiver mit Grammatik zu befassen. Aber auch bei älteren Schülerinnen und Schülern gilt, dass sie sich Grammatik im Zusammenhang mit Inhalten und Aufgaben besser einprägen können. «Es gibt ja nicht nur den Zugang zur Grammatik, den Erwachsene haben. Schülerinnen und Schüler entdecken meist viel Spannendes bei der Auseinandersetzung mit Sprachen», stellt Susanne Siegrist fest. Grammatik spielt also weiterhin eine wichtige Rolle. Sie dient aber dem Lösen einer Aufgabe und nicht einem Selbstzweck.

Es ist ausserdem wichtig zu erwähnen, dass Schülerinnen und Schüler Grammatik nicht einfach «en passant» erwerben können. Im Gegenteil! Sie sind auf das sinnvolle Üben, Vertiefen und Sichern des grammatikalischen Wissens angewiesen.

«Erfolge beflügeln und animieren zum Weiterlernen»

«Erfolge beflügeln und animieren zum Weiterlernen»

Die Muttersprache lernen Kinder praktisch von alleine. Das geht mit den Fremdsprachen in der Schule nicht mehr so leicht. Christine Le Pape Racine ist an der Fachhochschule Nordwestschweiz emeritierte Professorin für Französischdidaktik und forscht unter anderem über den Erwerb von Fremdsprachen. Sie erklärt, wie Schülerinnen und Schüler Fremdsprachen lernen und was ihnen dabei hilft.

Frau Le Pape Racine, warum lernen nicht alle Menschen gleich?

Christine Le Pape Racine: Eine wichtige Rolle spielen Motivation und Vorkenntnisse, die nicht bei allen Menschen gleich sind. Es gibt ausserdem viele verschiedene Lerntypen, die unterschiedliche Lernstrategien anwenden. Man kann beispielsweise visuelle, auditive, systematisch denkende, kommunikative und motorische Lerntypen unterscheiden.

Was heisst das genau?

Christine Le Pape Racine: Der visuelle Lerntyp lernt hauptsächlich übers Auge. Ihm hilft es, wenn er die Inhalte in Form von Texten oder Bildern vor sich hat und im Unterricht  etwas aufschreibt. Wörter kann er sich am besten anhand von Bildern oder Karteikarten merken. Zum auditiven Lerntyp gehören Schülerinnen und Schüler, die sich besonders gut an gesprochene Inhalte erinnern können. Ihnen bleiben Dialoge, Lieder und Anekdoten lange im Gedächtnis. Wortschatz lernen sie auch mit Audiodateien. Für die kommunikativen Lerntypen sind Fragerunden, Gespräche, Präsentationen und Dialoge ideal, wo sie sich sprachlich spontan äussern können. Sie profitieren ganz besonders vom Austausch in einer anderen Sprachregion. Dem motorischen Jungen hilft es, wenn Lernen mit Bewegung verbunden wird. Für ihn ist der Lernerfolg am grössten, wenn er selbst aktiv werden kann. Ein strategisch denkendes Mädchen lernt am einfachsten, wenn es die Dinge ordnen und in eine Struktur bringen kann. Es entdeckt zum Beispiel selbst eine Grammatikregel oder wendet bekannte Formen an.

In einer Klasse sitzen vermutlich verschiedene Lerntypen. Was bedeutet das für eine Lehrperson?

Christine Le Pape Racine: Sie sollte variantenreich unterrichten und über ein breites methodisches Repertoire verfügen. Den Unterricht kann sie so gestalten, dass Schülerinnen und Schüler beispielsweise phasenweise in Gruppen mit ähnlichen Lerntypen lernen, unterschiedliche Materialien zum Zug kommen (Hörtexte oder Lesetexte mit höheren oder tieferen Schwierigkeitsgraden), oder sich verschiedene Lerntypen gegenseitig unterstützen. Die Lehrperson kann Methoden einsetzen, bei denen die Schülerinnen und Schüler auf unterschiedlichen Wegen zum gleichen Ziel gelangen.

Schülerinnen und Schüler müssen sich im Fremdsprachenunterricht viel Neues merken. Gibt es eine Strategie, wie dies am besten gelingt?

Christine Le Pape Racine: Ja. Indem sie versuchen, Neues an Bekanntem anzuknüpfen. Das kann die Mundart sein, die deutsche, englische oder eine andere Sprache. Je mehr Sprachkenntnisse ein Kind hat, je grösser sein Wortschatz in der Schulsprache Deutsch oder einer andern Sprache ist, desto einfacher ist es, Anknüpfungspunkte zu finden. Das geschieht natürlich nicht bewusst und sehr schnell.

Was hilft beim Lernen von Wortschatz und Grammatik?

Christine Le Pape Racine: Dafür ist die Leistung des Gedächtnisses von grosser Bedeutung. Diese ist aber nicht bei allen Kindern gleich. Kindern hilft es, wenn die neuen Wörter oder grammatikalischen Begriffe mehrmals in verschiedenen Zusammenhängen vorkommen. Sie können sich Wortschatz und Regeln besser merken, wenn sie diese in Aufgaben anwenden können und ihnen immer wieder begegnen. Die einen Kinder legen mehr Wert auf einen grossen Wortschatz, damit sie kommunizieren können. Andere konzentrieren sich eher auf die Grammatikregeln, weil sie keine Fehler machen wollen.

Gibt es ein Erfolgsrezept, wie Lernen gelingt?

Christine Le Pape Racine: Es gibt gewisse Kriterien, die das Lernen begünstigen. Ein Beispiel dafür ist eine angenehme Lernumgebung, in der Schülerinnen und Schüler ohne Angst vor Fehlern lernen können. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Motivation: Die interessanten Themen in den Lehrmitteln sollen dazu beitragen, dass die Schülerinnen und Schüler motiviert sind, die Inhalte zu verstehen. Motivierend ist für Schülerinnen und Schüler auch, wenn sie Inhalte ab und zu nach ihrem Interesse selber auswählen können. Die Motivation kann auch von den Eltern gefördert werden beispielsweise, indem diese Freude und Interesse an dem zeigen, was ihr Kind lernt oder mit ihrem Kind mitlernen. Und ganz wichtig: Erfolge beflügeln Schülerinnen und Schüler und animieren zum Weiterlernen.

Welche Rolle spielt dabei die Lehrperson?

Christine Le Pape Racine: Eine ganz wichtige! Es ist ihre Aufgabe, förder- und nicht defizitorientiert zu unterrichten. Man kann in der Volksschule nicht von der Perfektion ausgehen. Die Lehrperson sollte daher mit den Schülerinnen und Schülern sorgfältig und stetig die Sprache aufbauen, im Wissen, dass dabei Fehler notwendig und unausweichlich sind. Wenn Fehler ein negatives Gefühl hinterlassen, werden die Kinder mit der Zeit verstummen. Das bedeutet aber nicht, dass die Lehrperson Fehler ignorieren sollte, sondern dass sie eine professionelle, bewusste Fehlerdidaktik einsetzt.

In der 3. Klasse beginnen die Schülerinnen und Schüler mit dem Französischunterricht. Wie lernen sie auf dieser Stufe die neue Fremdsprache?

Christine Le Pape Racine: Die Kinder lernen, wie die Sprache tönt und wie man sie ausspricht. Da das Ohr bei 9-Jährigen noch etwas aufnahmefähiger ist als später, können 3.-Klässlerinnen und 3.-Klässler neue, typisch französische Laute akzentfreier lernen als Schülerinnen und Schüler in höheren Klassen. Im Anfängerunterricht spielt ein gutes Aussprachevorbild eine besonders grosse Rolle. Es ist daher wichtig, dass Schülerinnen und Schüler die fremde Sprache möglichst oft hören – sei dies von muttersprachigen Personen oder von Lehrpersonen mit sehr guten Französischkompetenzen. Die meisten Kinder sind ausserdem visuelle Lerntypen. Sie können sich Sprache besser merken, wenn sie möglichst früh mit dem Schriftbild vertraut werden. Wenn sie das Laut- und das Schriftbild miteinander verbinden können, gelingt es ihnen besser, die Unterschiede zur deutschen Sprache oder zu anderen Sprachen zu entdecken und sich zu merken.

Was lernen sie zuerst?

Christine Le Pape Racine: Als erstes bauen sie einen minimalen Wortschatz auf. Das heisst, sie benennen Dinge aus ihrer unmittelbaren Umgebung und üben Wörter für den Schulalltag, damit sie Aufgaben und Anweisungen der Lehrperson verstehen. Sie beschäftigen sich aber auch mit unbekannten Themen wie beispielswiese mit dem Leben von aussergewöhnlichen Tieren oder schweizerischen Erfindungen, die ihnen so genanntes neues Weltwissen vermitteln.

Und wie üben sie Grammatik?

Christine Le Pape Racine: In der ersten Zeit lernen sie Grammatik mehr oder weniger beiläufig, indem sie Texte lesen oder hören. Sie verstehen dabei noch nicht alles, sondern erhalten vielmehr einen Gesamteindruck der Sprache. Nach und nach entdecken sie Regeln. Die Lehrperson steuert diesen Prozess mit und macht den Schülerinnen und Schülern grammatikalische Phänomene im Zusammenhang mit Aufgaben und Texten bewusst. Nach der Didaktik der Mehrsprachigkeit begegnen Schülerinnen und Schüler grammatikalischen Regeln mehrmals, damit sie sich diese besser merken können.

Können Primarschülerinnen und -schüler grammatikalische Strukturen überhaupt schon verstehen?

Christine Le Pape Racine: Ja. Aber sie können sie noch nicht mit den Fachwörtern benennen. Grammatikregeln reichen ja von einem einfachen bis zu einem sehr anspruchsvollen Schwierigkeitsgrad. Je nach entwicklungspsychologischen Voraussetzungen und Interesse können die Lernenden früher oder später Regeln begreifen (z.B. dass es im Französischen nur zwei Geschlechter gibt) oder mit Fachausdrücken benennen (z.B. féminin). Die neuen Lehrmittel sind daher so aufgebaut, dass sie Grammatik ab der Sekundarschule stärker gewichten.

Apropos Sekundarstufe: Wie geht es auf der Sek I weiter?

Christine Le Pape Racine: Die Schülerinnen und Schüler haben in der Primarschule in Französisch und Englisch bereits viele Lernstrategien ausprobiert und schon ihre individuellen Lernwege gefunden. Sie können beispielsweise neue Vokabeln und Regeln in verschiedenen Sprachen miteinander vergleichen. Ältere Schülerinnen und Schüler sind ausserdem selbständiger und eigenverantwortlicher. Sie haben gelernt, sich selber einzuschätzen und Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Je nach Vorbildung und Motivation, die sehr wichtig ist, gibt es in den Kompetenzen der Lernenden grosse Unterschiede.