Die neuen Lehrmittel «Mille feuilles», «Clin d’œil» und «New World» vermitteln grammatikalische Phänomene in einem Kontext, der für die Schülerinnen und Schüler Sinn ergibt und nicht nach einem von den Inhalten losgelösten Ansatz. Das mag den Eindruck erwecken, dass Grammatik keine wichtige Rolle mehr spielt. Dem ist aber nicht so. Schülerinnen und Schüler beschäftigen sich nach wie vor viel mit Grammatik. Sie lernen diese im Zusammenhang mit den Inhalten und den Aufgaben in den Lehrmitteln.

Die traditionelle Vorstellung von Grammatik ist es, Tabellen mit Konjugationen, Formen und Ausnahmen auswendig zu lernen, Regeln zu pauken und Grammatikübungen zu lösen. Im Fremdsprachenunterricht nach der Didaktik der Mehrsprachigkeit spielt jedoch die so genannte Inhaltsorientierung eine wichtige Rolle. Schülerinnen und Schüler lernen die Sprache anhand von altersgerechten und spannenden Inhalten. In den Texten, mit denen Inhalte übermittelt werden, kommen grammatikalische Phänomene vor, die im Unterricht vertieft werden.

«Die Texte in den Lehrmitteln beinhalten die ganze Palette an grammatikalischen Formen. Die Schülerinnen und Schüler lernen daher Grammatik implizit, wenn sie die Formen lesen oder hören. In einer ersten Phase wenden sie diese auch an, ohne den genauen grammatikalischen Zusammenhang zu kennen. Grammatikalische Formen werden dann ein Thema, wenn sie zum Lösen einer Aufgabe benötigt werden», erklärt Susanne Siegrist, Fachlehrerin für Französisch und Englisch an der Primarschule Stüsslingen (SO) und Dozentin für Fremdsprachendidaktik an der Fachhochschule Nordwestschweiz. «Ziel ist es, grammatikalische Phänomene immer wieder in verschiedenen Zusammenhängen zu bearbeiten, wenn es der Inhalt oder die Aufgabe verlangt.»

Wie wird nun konkret an Grammatik gearbeitet? Eine Möglichkeit ist, dass Schülerinnen und Schüler ein grammatikalisches Phänomen in verschiedenen Sprachen entdecken und dazu ihre eigene Regel formulieren. Dabei entsteht eine erste Konstruktion. Im Austausch mit den Mitschülerinnnen und Mitschülern wird die sprachliche Entdeckung erneut bearbeitet. «Das heisst, eine erste Konstruktion wird mehrmals umgewälzt, bevor sie im Plenum gemeinsam mit der Lehrperson und der <Expertenversion> abgeglichen wird.», beschreibt Susanne Siegrist das Vorgehen.

Im Magazine 2 des Lehrmittels «Mille feuilles» 5 zum Beispiel untersuchen die Schülerinnen und Schüler, wie eine Aussage in verschiedenen Sprachen verneint wird – von Deutsch über Englisch und  Norwegisch bis Albanisch. Dadurch entdecken sie, dass jede Sprache ihr eigenes System zur Verneinung hat. Sie müssen die Verneinung nicht in jeder Situation anwenden können. In dieser Übung geht es darum, Witze zu erzählen, in denen die Verneinung mit einer Pointe zusammenhängt.

«Grammatikalische Formen werden nicht bis zur Perfektion geübt», erläutert Susanne Siegrist. «Man überfordert Schülerinnen und Schüler, wenn man von ihnen erwartet, dass sie die Formen sofort perfekt anwenden können. Es braucht Zeit und viel Wiederholung, bis dies gelingt. Für Primarschülerinnen und -schüler sind grammatikalische Erscheinungsformen von der kognitiven Entwicklung her oft zu abstrakt. Es werden daher nicht ganze Systeme gelernt, sondern diese im Sinne des zyklischen Lernens immer wieder bearbeitet und erweitert. »

Ein weiteres Beispiel stammt aus dem Lehrmittel «New World» 4 für die Oberstufe: Die Schülerinnen und Schüler setzen sich im Englischunterricht in Unit 4 mit Kindern auseinander, die auf der Strasse leben und sich Gangs anschliessen. Als Input wird der englische Klassiker «Oliver Twist» genutzt. In diesem Zusammenhang schauen sich die Lernenden Ausschnitte aus dem Film «Oliver Twist» an und lesen Auszüge aus dem gleichnamigen Roman. Um Geschichten in der Vergangenheit zu lesen, zu verstehen, nachzuerzählen oder sogar selber zu schreiben, brauchen sie Vergangenheitsformen. Daher befassen sich die Jugendlichen mit der Vergangenheitsform Simple Past, die sie bereits in anderen Zusammenhängen kennengelernt haben. Sie lernen auf diese Weise das, was sie für das Verständnis des Inhalts und das Lösen der Aufgaben benötigen. So werden die grammatikalischen Formen zur Lösung einer Aufgabe und nicht losgelöst von einem Kontext gelernt.

In der Oberstufe sind Schülerinnen und Schüler besser in der Lage, abstrakt zu denken. Daher ist es sinnvoll, sich ab dieser Stufe intensiver mit Grammatik zu befassen. Aber auch bei älteren Schülerinnen und Schülern gilt, dass sie sich Grammatik im Zusammenhang mit Inhalten und Aufgaben besser einprägen können. «Es gibt ja nicht nur den Zugang zur Grammatik, den Erwachsene haben. Schülerinnen und Schüler entdecken meist viel Spannendes bei der Auseinandersetzung mit Sprachen», stellt Susanne Siegrist fest. Grammatik spielt also weiterhin eine wichtige Rolle. Sie dient aber dem Lösen einer Aufgabe und nicht einem Selbstzweck.

Es ist ausserdem wichtig zu erwähnen, dass Schülerinnen und Schüler Grammatik nicht einfach «en passant» erwerben können. Im Gegenteil! Sie sind auf das sinnvolle Üben, Vertiefen und Sichern des grammatikalischen Wissens angewiesen.