Die Muttersprache lernen Kinder praktisch von alleine. Das geht mit den Fremdsprachen in der Schule nicht mehr so leicht. Christine Le Pape Racine ist an der Fachhochschule Nordwestschweiz emeritierte Professorin für Französischdidaktik und forscht unter anderem über den Erwerb von Fremdsprachen. Sie erklärt, wie Schülerinnen und Schüler Fremdsprachen lernen und was ihnen dabei hilft.

Frau Le Pape Racine, warum lernen nicht alle Menschen gleich?

Christine Le Pape Racine: Eine wichtige Rolle spielen Motivation und Vorkenntnisse, die nicht bei allen Menschen gleich sind. Es gibt ausserdem viele verschiedene Lerntypen, die unterschiedliche Lernstrategien anwenden. Man kann beispielsweise visuelle, auditive, systematisch denkende, kommunikative und motorische Lerntypen unterscheiden.

Was heisst das genau?

Christine Le Pape Racine: Der visuelle Lerntyp lernt hauptsächlich übers Auge. Ihm hilft es, wenn er die Inhalte in Form von Texten oder Bildern vor sich hat und im Unterricht  etwas aufschreibt. Wörter kann er sich am besten anhand von Bildern oder Karteikarten merken. Zum auditiven Lerntyp gehören Schülerinnen und Schüler, die sich besonders gut an gesprochene Inhalte erinnern können. Ihnen bleiben Dialoge, Lieder und Anekdoten lange im Gedächtnis. Wortschatz lernen sie auch mit Audiodateien. Für die kommunikativen Lerntypen sind Fragerunden, Gespräche, Präsentationen und Dialoge ideal, wo sie sich sprachlich spontan äussern können. Sie profitieren ganz besonders vom Austausch in einer anderen Sprachregion. Dem motorischen Jungen hilft es, wenn Lernen mit Bewegung verbunden wird. Für ihn ist der Lernerfolg am grössten, wenn er selbst aktiv werden kann. Ein strategisch denkendes Mädchen lernt am einfachsten, wenn es die Dinge ordnen und in eine Struktur bringen kann. Es entdeckt zum Beispiel selbst eine Grammatikregel oder wendet bekannte Formen an.

In einer Klasse sitzen vermutlich verschiedene Lerntypen. Was bedeutet das für eine Lehrperson?

Christine Le Pape Racine: Sie sollte variantenreich unterrichten und über ein breites methodisches Repertoire verfügen. Den Unterricht kann sie so gestalten, dass Schülerinnen und Schüler beispielsweise phasenweise in Gruppen mit ähnlichen Lerntypen lernen, unterschiedliche Materialien zum Zug kommen (Hörtexte oder Lesetexte mit höheren oder tieferen Schwierigkeitsgraden), oder sich verschiedene Lerntypen gegenseitig unterstützen. Die Lehrperson kann Methoden einsetzen, bei denen die Schülerinnen und Schüler auf unterschiedlichen Wegen zum gleichen Ziel gelangen.

Schülerinnen und Schüler müssen sich im Fremdsprachenunterricht viel Neues merken. Gibt es eine Strategie, wie dies am besten gelingt?

Christine Le Pape Racine: Ja. Indem sie versuchen, Neues an Bekanntem anzuknüpfen. Das kann die Mundart sein, die deutsche, englische oder eine andere Sprache. Je mehr Sprachkenntnisse ein Kind hat, je grösser sein Wortschatz in der Schulsprache Deutsch oder einer andern Sprache ist, desto einfacher ist es, Anknüpfungspunkte zu finden. Das geschieht natürlich nicht bewusst und sehr schnell.

Was hilft beim Lernen von Wortschatz und Grammatik?

Christine Le Pape Racine: Dafür ist die Leistung des Gedächtnisses von grosser Bedeutung. Diese ist aber nicht bei allen Kindern gleich. Kindern hilft es, wenn die neuen Wörter oder grammatikalischen Begriffe mehrmals in verschiedenen Zusammenhängen vorkommen. Sie können sich Wortschatz und Regeln besser merken, wenn sie diese in Aufgaben anwenden können und ihnen immer wieder begegnen. Die einen Kinder legen mehr Wert auf einen grossen Wortschatz, damit sie kommunizieren können. Andere konzentrieren sich eher auf die Grammatikregeln, weil sie keine Fehler machen wollen.

Gibt es ein Erfolgsrezept, wie Lernen gelingt?

Christine Le Pape Racine: Es gibt gewisse Kriterien, die das Lernen begünstigen. Ein Beispiel dafür ist eine angenehme Lernumgebung, in der Schülerinnen und Schüler ohne Angst vor Fehlern lernen können. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Motivation: Die interessanten Themen in den Lehrmitteln sollen dazu beitragen, dass die Schülerinnen und Schüler motiviert sind, die Inhalte zu verstehen. Motivierend ist für Schülerinnen und Schüler auch, wenn sie Inhalte ab und zu nach ihrem Interesse selber auswählen können. Die Motivation kann auch von den Eltern gefördert werden beispielsweise, indem diese Freude und Interesse an dem zeigen, was ihr Kind lernt oder mit ihrem Kind mitlernen. Und ganz wichtig: Erfolge beflügeln Schülerinnen und Schüler und animieren zum Weiterlernen.

Welche Rolle spielt dabei die Lehrperson?

Christine Le Pape Racine: Eine ganz wichtige! Es ist ihre Aufgabe, förder- und nicht defizitorientiert zu unterrichten. Man kann in der Volksschule nicht von der Perfektion ausgehen. Die Lehrperson sollte daher mit den Schülerinnen und Schülern sorgfältig und stetig die Sprache aufbauen, im Wissen, dass dabei Fehler notwendig und unausweichlich sind. Wenn Fehler ein negatives Gefühl hinterlassen, werden die Kinder mit der Zeit verstummen. Das bedeutet aber nicht, dass die Lehrperson Fehler ignorieren sollte, sondern dass sie eine professionelle, bewusste Fehlerdidaktik einsetzt.

In der 3. Klasse beginnen die Schülerinnen und Schüler mit dem Französischunterricht. Wie lernen sie auf dieser Stufe die neue Fremdsprache?

Christine Le Pape Racine: Die Kinder lernen, wie die Sprache tönt und wie man sie ausspricht. Da das Ohr bei 9-Jährigen noch etwas aufnahmefähiger ist als später, können 3.-Klässlerinnen und 3.-Klässler neue, typisch französische Laute akzentfreier lernen als Schülerinnen und Schüler in höheren Klassen. Im Anfängerunterricht spielt ein gutes Aussprachevorbild eine besonders grosse Rolle. Es ist daher wichtig, dass Schülerinnen und Schüler die fremde Sprache möglichst oft hören – sei dies von muttersprachigen Personen oder von Lehrpersonen mit sehr guten Französischkompetenzen. Die meisten Kinder sind ausserdem visuelle Lerntypen. Sie können sich Sprache besser merken, wenn sie möglichst früh mit dem Schriftbild vertraut werden. Wenn sie das Laut- und das Schriftbild miteinander verbinden können, gelingt es ihnen besser, die Unterschiede zur deutschen Sprache oder zu anderen Sprachen zu entdecken und sich zu merken.

Was lernen sie zuerst?

Christine Le Pape Racine: Als erstes bauen sie einen minimalen Wortschatz auf. Das heisst, sie benennen Dinge aus ihrer unmittelbaren Umgebung und üben Wörter für den Schulalltag, damit sie Aufgaben und Anweisungen der Lehrperson verstehen. Sie beschäftigen sich aber auch mit unbekannten Themen wie beispielswiese mit dem Leben von aussergewöhnlichen Tieren oder schweizerischen Erfindungen, die ihnen so genanntes neues Weltwissen vermitteln.

Und wie üben sie Grammatik?

Christine Le Pape Racine: In der ersten Zeit lernen sie Grammatik mehr oder weniger beiläufig, indem sie Texte lesen oder hören. Sie verstehen dabei noch nicht alles, sondern erhalten vielmehr einen Gesamteindruck der Sprache. Nach und nach entdecken sie Regeln. Die Lehrperson steuert diesen Prozess mit und macht den Schülerinnen und Schülern grammatikalische Phänomene im Zusammenhang mit Aufgaben und Texten bewusst. Nach der Didaktik der Mehrsprachigkeit begegnen Schülerinnen und Schüler grammatikalischen Regeln mehrmals, damit sie sich diese besser merken können.

Können Primarschülerinnen und -schüler grammatikalische Strukturen überhaupt schon verstehen?

Christine Le Pape Racine: Ja. Aber sie können sie noch nicht mit den Fachwörtern benennen. Grammatikregeln reichen ja von einem einfachen bis zu einem sehr anspruchsvollen Schwierigkeitsgrad. Je nach entwicklungspsychologischen Voraussetzungen und Interesse können die Lernenden früher oder später Regeln begreifen (z.B. dass es im Französischen nur zwei Geschlechter gibt) oder mit Fachausdrücken benennen (z.B. féminin). Die neuen Lehrmittel sind daher so aufgebaut, dass sie Grammatik ab der Sekundarschule stärker gewichten.

Apropos Sekundarstufe: Wie geht es auf der Sek I weiter?

Christine Le Pape Racine: Die Schülerinnen und Schüler haben in der Primarschule in Französisch und Englisch bereits viele Lernstrategien ausprobiert und schon ihre individuellen Lernwege gefunden. Sie können beispielsweise neue Vokabeln und Regeln in verschiedenen Sprachen miteinander vergleichen. Ältere Schülerinnen und Schüler sind ausserdem selbständiger und eigenverantwortlicher. Sie haben gelernt, sich selber einzuschätzen und Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Je nach Vorbildung und Motivation, die sehr wichtig ist, gibt es in den Kompetenzen der Lernenden grosse Unterschiede.